Tierische Therapeuten

Sie sind Seelentröster und erobern durch ihre bedingungslose Akzeptanz und Liebe die Herzen der Menschen. Als therapeutische Helfer werden Tiere immer mehr anerkannt und eingesetzt. Seit etwa zwei Jahrzehnten beschäftigen sich Wissenschaftler mit den therapeutischen, gesundheitsfördernden Phänomenen, die von Tieren ausgehen. Tiere aller Spezies bewähren sich sogar im ganzheitlichen Sinne und tun sowohl dem Körper, Seele und Geist des Menschen gut.

Tiere, die heilsam auf Menschen wirken, rücken häufiger ins Medien-Blickfeld: Da gelingt Delfinen, was menschlichen Therapeuten versagt bleibt - schwerbehinderte Kinder nehmen erstmals mit ihrer Umwelt Kontakt auf und machen - für ihre Verhältnisse - riesige psychosoziale Entwicklungsschritte. Auch mit Hunden, Katzen, Kaninchen, Vögeln und sogar Reptilien können therapeutische Erfolge erzielt werden, wie zahlreiche Studien belegen. Und nicht nur das: Seit etwa zwei Jahrzehnten werden Untersuchungen angestellt, die gesundheitliche, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Auswirkungen der besonderen Beziehung Mensch-Tier beleuchten. Dabei ist diese Beziehung alt und bewährt. Denn Tiere waren schon immer Begleiter des Menschen. Zu manchen Tieren stellten Menschen im Laufe der Jahrtausende eine innigere Beziehung her. Vor allem zu jenen Tieren, bei denen sie besondere Fähigkeiten beobachtet und schätzen gelernt hatten: So wurden Hunde zu Wächtern, Hirten oder Jagdgefährten ausgebildet, Katzen machten sich als Mäusejäger nützlich und betrieben indirekte Gesundheitsvorsorge, weil sie Mäuse und Ratten fernhielten. Tiere waren nicht nur verlässliche Partner, sondern wurden in manchen Lebensbereichen der Menschen unersetzlich.

Wichtige Familienmitglieder

Im Wandel der Jahrhunderte, zuletzt durch die Industrialisierung und Urbanisation, veränderte sich die Bedeutung der Tiere wie auch die Art des Zusammenlebens. Dennoch: Wichtig sind sie geblieben. In modernen Familien beispielsweise haben Heimtiere nicht nur einen festen Platz in den Herzen „ihrer“ Menschen erobert, oft wird ihnen sogar der Status eines echten Familienmitglieds zuerkannt. Prof. Dr. Erhard Olbrich, Erlanger Psychologe, begann in zahlreichen Untersuchungen in den 90iger Jahren die Vorteile der Heimtierhaltung herauszuarbeiten, die quasi therapeutische Einflüsse haben: Kinder, die mit Tieren aufwachsen dürfen, erleben diese als Partner mit einer eigenen Ausdrucksform. So können Kinder ein größeres Einfühlungsvermögen und Mitgefühl mit einem andersartigen Lebewesen entwickeln. Einzelkinder empfinden „ihr“ Tier als wichtigen Wegbegleiter, mit dem sie Sorgen und Nöte teilen, wenn die Erwachsenen nicht ansprechbar sind. Oder sie haben einen Spielgefährten mit dem sie toben und schmusen können. Nicht zuletzt lernen Kinder über das Spiel, dass Grenzen zu beachten sind, und dass ein Tier eigene Bedürfnisse hat. Kinder erfahren auch, dass Tiere in menschlicher Obhut abhängig sind und versorgt werden müssen. In einem entsprechenden Alter lernen Kinder Verantwortung zu übernehmen und sich z. B. um das Katzenklo zu kümmern oder mit dem Hund spazieren zu gehen, selbst wenn sie absolut keine Lust dazu haben. Ein Lerneffekt dabei: Das kindliche Selbstvertrauen und Verantwortungsbe¬wusst¬¬sein werden gestärkt und die soziale Anerkennung innerhalb der Familie steigt.

Heimtiere halten gesund
Der Gesundheitseffekt von Heimtier-Haltung ist seit einigen Jahren unbestritten. Das Robert-Koch-Institut (RKI) ist dem Gesundheitsministerium der Bundesregierung Deutschlands nachgeordnet und befasst sich neben der Überwachung von Infektionskrankheiten vor allem mit Epidemiologie (Beschreibung der Häufigkeit und des Verlaufs von Krankheiten). Ergebnisse werden u. a. im Rahmen der sog. Gesundheitsberichtserstattung in jährlichen Schwerpunkt-Veröffentlichungen publiziert. In Heft 19 aus dem Jahre 2003 befassten sich die Wissenschaftler des Instituts mit der Heimtierhaltung und den gesundheitlichen Aspekten für die Tierhalter. Ihr Resümee: Tierhalter leben im Vergleich zu Nichttierhaltern länger, bewegen sich mehr, bleiben gesünder, empfinden mehr Lebensfreude, verhalten sich verantwortlicher, sind sozialer und kontaktfreudiger eingestellt ... (Quelle: Weber A, Schwarzkopf A: Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Heft 19 - Heimtierhaltung - Chancen und Risiken für die Gesundheit. Robert Koch-Institut, Berlin, Dez. 2003).

Nachgewiesene Gesundheits-Effekte durch Tiere
1. Blutdruck-Senkung: Durch die Anwesenheit oder das Streicheln des Tieres kann der Blutdruck sinken. Auch die Herz- bzw. Pulsfrequenz sinken, der Kreislauf stabilisiert sich.
2. Muskelentspannung: Durch Körperkontakt, Streicheln, Schmusen entspannt sich der gesamte Muskeltonus des Menschen.
3. Schmerzverringerung: Durch biochemische Veränderungen wie z. B. Freisetzung von Beta-Endorphinen tritt eine Beruhigung ein. Über Lachen und Spielen können Spannungen abgebaut werden. Mögliche Folge: Die Intensität oder Häufigkeit von Schmerzen verringern sich.
4. Verbesserte Gesundheit durch Aktivität: Menschen werden durch Tiere motorisch aktiviert. Bewegung an frischer Luft, beim Spiel mit dem Tier werden Muskeln trainiert, die Verdauung angeregt. Durch das bessere Körpergefühl kann leichter Übergewicht reduziert werden oder vom Alkohol- wie Tabakgenuss Abstand genommen werden. Manchen Menschen hilft auch die Regelmäßigkeit und Strukturierung der Tagesabläufe, die durch Tiere entstehen.
(Quelle: Olbrich, E: Menschen brauchen Tiere, Grundlagen und Praxis der tiergestützten Pädagogik und Therapie. Kosmos, Stuttgart 2003.)

Heilsam: Vorbehaltlose Akzeptanz

Tiere haben viele Eigenschaften, die sie zu erfolgreichen Begleitern verschiedener Therapiekonzepte machen können. In manchen kinder- und jugendpsychotherapeutischen Praxen haben Tiere oft eine vermittelnde Rolle, die hilfreich bei der Herstellung des ersten Kontakts zum Kind sein kann. So haben sexuell missbrauchte Kinder manchmal völlig ihr Vertrauen in Menschen verloren. Entweder verweigern sie sich oder wagen nicht, ihre Scham oder Schuldgefühle mitzuteilen. Ist ein Tier während der Therapie dabei, kann dem verstörten Kind gelingen, sich dem Tier anzuvertrauen. Manchmal ist dies ein erster Schritt für den Therapeuten, langsam eine Basis für ein neues Vertrauensverhältnis aufzubauen. Für Kinder aus problembeladenen Umfeldern eröffnet sich durch Therapien mit Tieren eine neue Welt: Sie erleben erstmals Lebewesen, die sie weder kritisieren, verurteilen oder bedrohen. Durch die vorbehaltlose Akzeptanz der Tiere erfahren Kinder vielleicht erstmals Wohlgesonnenheit. Dadurch fassen sie Mut, Kontakt zum menschlichen Therapeuten aufzunehmen. Der liebevolle, weitere Umgang mit dem Tier ermöglicht den Kindern langfristig ein positives Selbsterleben wie auch neue Schritte in ihrer Persönlichkeitsentwicklung.

Jedes Tier hat andere Ausdrucksformen

Die Auswahl der Tiere und Form der tiergestützten Therapie können unterschiedlich sein und orientieren sich an verschiedenen Faktoren: Alter der Kinder, ihre Persönlichkeits-, Entwicklungs- oder auch Verhaltensstörung. Birgit Hanselmann, Speicher in Appenzell Ausserrhoden, arbeitet seit 15 Jahren als Heilpädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie auf einem Bauernhof und hat zwei Katzen, einen Hund und drei Pferde, die sie unterschiedlich einsetzt. „In der Frühförderung habe ich Methodenfreiheit und spreche die Therapiesequenzen mit den Eltern ab“, so Hanselmann. Sie arbeitet einzeln mit Kindern, die z. B. entwicklungsverzögert oder behindert sind. „Bei ihnen geht es in erster Linie darum, die Körper- und zum Teil auch die Lautsprache der Tiere kennenzulernen“, erklärt Hanselmann. Damit können Angst oder unangemessenes Verhalten den Tieren gegenüber abgebaut werden. Die Heilpädagogin hat im Laufe ihrer Berufsjahre immer wieder beobachten können, dass gerade stark auf sich bezogenen Kindern im Kontakt mit Tieren gelingt, sich auf ihr Gegenüber einzulassen, damit Grenzen zu sprengen, was ihrer eigenen sozialen Entwicklung neue Möglichkeiten bieten.

Ungenutzte Potentiale entdecken

„Jedes Kind bekommt entsprechend seiner Entwicklung, Fähigkeiten und Defiziten einen individuellen Therapieplan“, sagt Hanselmann. Sie erinnert sich an einen Jungen, der Sprachschwierigkeiten bzw. an einer Unfähigkeit litt, die richtigen Worte zu finden. Er konnte seine Bedürfnisse nicht artikulieren, war deswegen schnell frustriert und wütend, weil er nicht verstanden wurde. „Der Junge saß auf dem Pferd und rief, dass er reiten wolle“, sagt Hanselmann. Es brauchte eine Weile, bis deutlich wurde, dass der Junge Bilder vom Reiten im Kopf hatte, die er nicht mit der erlebten Realität zusammenbringen konnte. Durch Reitstunden, Aufschreiben seiner Erlebnisse und dem Erzählen in seiner Familie, erweiterte der Junge seinen Sprachschatz und seine Kommunikationsfähigkeiten. Später konnte er gelassener sein und brauchte mit seinen Wutanfällen andere nicht mehr unter Druck setzen. Besonders eindrucksvoll ist für Hanselmann die Entwicklung eines behinderten Mädchens mit Down-Syndrom (Trisomie 21) verlaufen: „Merit war durch die Arbeit mit den Pferden hochmotiviert“, sagt Hanselmann. Das Mädchen mobilisierte unglaubliche Kräfte und konnte fast allein ohne fremde Hilfe das Pferd besteigen. Beim Reiten lernte sie, dass sie das Tier bewegen kann, was ihr weiteren Ansporn gab. „Uns allen hat dies gezeigt, dass viele ungenutzte Potentiale in dem Mädchen stecken. Dies zu sehen war wichtig für die Familie, die Merit nun auch im Alltag anders fordern und fördern“, sagt Hanselmann.

Tiere haben Rechte und Bedürfnisse

Tiere verhalten sich oft klarer als Menschen und geben sofort eine Rückmeldung. „Ein Kind, dass grob mit dem Pferd umgeht, merkt dies an der sofortigen, unwilligen Reaktion oder dem Rückzug“, so Hanselmann. Kinder suchen nach Grenzen, die sie manchmal in ihrem familiären Umfeld nicht erhalten - z. B. weil Eltern unfähig sind, eindeutige Grenzen zu ziehen. In der Arbeit mit den Pferden ergeben sich durch die nonverbale Kommunikation, Möglichkeiten für Kinder, Respekt vor anderen Lebewesen zu erlernen und sich entsprechend zu verhalten. „Der Respekt vor dem Tier schließt mit ein, seine Bedürfnisse zu akzeptieren“, sagt Hanselmann. „Wenn ich bemerke, dass ein Pferd bei der Vorbereitung zur Therapiestunde nicht mitkommen mag, oder es ihm nicht gut geht, nehme ich entweder ein anderes Pferd oder stelle meine Pläne um“, so Hanselmann. Sie bezieht bei ihrer heilpädagogischen Arbeit das Wissen über Tiere mit ein und ist überzeugt davon, dass dies auch zu ihrem Erfolg beiträgt. Nur wenn die Pferde genügend Ausgleich oder artgerechten Kontakt zu anderen Pferden haben, bleiben sie gesund und neugierig interessiert und können wertvolle Therapiepartner sein und bleiben. Deshalb ist Hanselmann bei großen Betrieben skeptisch: „Durch den teuren Unterhalt der Pferde kann ein Kostendruck entstehen, der dazu zwingt, die Pferde zu oft für Therapiezwecke einzuspannen“, meint Hanselmann. Dies widerspricht sowohl den Kriterien einer artgerechten, modernen Haltung wie auch dem Recht des Tieres auf eigene Bedürfnisse.

Regeln bei der Haltung

Tiere tun Menschen gut, dass ist auch die Erfahrung von Barbara Schaerer, Aathal im Kanton Zürich. Die Sozialarbeiterin machte im Rahmen einer Weiterbildung 2004 in 1.000 Alters- und Pflegeheimen eine Umfrage. Gegenstand war der aktuelle Stand der Besuchs/ bzw. Therapietiere und der Tierhaltung in diesen Institutionen. Die hohe Zahl der Antwortbögen, überraschte sie. „Es zeigt die Aktualität und das große Interesse am Thema“, so Schaerer. Sie beobachtet „eine allgemeine Tendenz, hygienische Bedenken, die bisher Tierhaltung in Heimen unmöglich machten, aufgrund neuester wissenschaft¬licher Erkenntnisse sachlicher anzuschauen“. Da die Untersuchungen eindeutig und anerkannt sind, nimmt die Bereitschaft der Heimleitungen zu, bessere Bedingungen für die Tierhaltung in ihren Institutionen zu schaffen. „Natürlich müssen Regeln beachtetet werden. Zu denen gehört, dass die Tiere gepflegt, geimpft und entwurmt sein müssen“, sagt Schaerer. Ab November wird sie eine Fachstelle „Tiere in Heimen“ betreuen und Interessierten beratend zur Seite stehen. Denn bei Entscheidungen für Tierhaltung in Heimen müssen verschiedenste Kriterien bedacht werden: Beispielsweise stellt die Pflege der Tiere eine Mehrbelastung für das Personal dar. „Deshalb sollten im Vorwege Verantwortlichkeiten geklärt sein, um unnötige Stress-Situationen und Reibereien zu vermeiden“, sagt Schaerer. Sie unterscheidet zwischen Besuchstieren, die nur für ein paar Stunden ins Heim kommen dürfen oder einem Heimtier, dass ständig bei seinem Menschen lebt. Außerdem ist ihr die Differenzierung zwischen Heim- und Therapietier in der Berichterstattung häufig nicht deutlich genug: „Ein Büsi, dass in einem Altersheim ihrem Halter Gesellschaft leistet, ist keine Therapiekatze, sondern nur eine Heimkatze“, sagt Schaerer. Tiere sind zweifelsohne eine große Bereicherung im Leben des Menschen und bringen durch ihr Dasein therapeutische Eigenschaften mit. Dennoch: Tiere können menschliche Therapeuten nicht ersetzen, sondern sind unterstützendes Element eine umfassenderen Therapiekonzeptes.

Gesunde Tiere - Gesunde Menschen
Häufige Bedenken gegen Tierhaltung im Privathaushalt oder auch vor allem in Institutionen beziehen sich vor allem auf:

Die Mitarbeiter des Robert-Koch-Instituts kommen in ihrem Gesundheitsbericht zum Schluss, dass der positive Einfluss der Heimtierhaltung trotz mancher Gegenargumente möglichen Gesundheits¬gefahren überwiegt. Durch Einhaltung hygienischer Maßnahmen, tierärztlicher Überwachung und bestimmten Impfungen der Tiere kann das Risiko der Übertragung infektiöser Erkrankungen minimiert werden. Beim Auftreten von Allergien empfehlen die Wissenschaftler im Einzelfall die Folgeerscheinungen der Erkrankung dem Gewinn an Lebensqualität gegenüberzustellen.
(Quelle: RKI, Gesundheitsberichterstattung, Heft 19, 2003, S. 21, s. o.)

Überzeugungsarbeit gelungen

Rita Gisler ist Leiterin der Aktivierungstherapie im Kranken-/Pflegeheim am Spital Dielsdorf, Kanton Zürich. Sie ist seit 16 Jahren Therapeutin und arbeitet seit etwa 6 Jahren mit ihrem Hund Joya. Anfänglich war es nicht leicht, das Personal von den Vorteilen des Therapiehundes zu überzeugen, erinnert sie sich. Denn die Vorbehalte waren groß - vor allem bezüglich der Hygienevorschriften. Da Rita Gisler jedoch aus Erfahrung wusste, was ein Hund bewirken kann, leistete sie Überzeugungsarbeit. Die Spitalleitung liess eine genaue Untersuchung anstellen „mit dem überraschenden Ergebnis, dass z. B. durch Schuhe viel mehr Keime in das Spital getragen werden, als über den Hund. Damit war der Weg für die tiergestützte Therapie frei“, sagt Gisler. Die Abteilungen des Hauses wurden informiert und seither ist Joya fester und anerkannter Mitarbeiter.

Aktivierungstherapie
Bei der Aktivierungstherapie geht es um einen ganzheitlichen Therapieansatz. Körper, Seele und Geist der Patienten werden gezielt angesprochen und entsprechend des Gesundheitszustandes oder der Fähigkeiten der Patienten gefördert. Durch geistige, handwerkliche, künstlerische Arbeiten oder bewegungsorientierte Übungen werden die körperlichen, geistigen und emotionalen Fähigkeiten und Bedürfnisse angesprochen, gestärkt oder gefördert.

Seelentröster und Freund

Der Hund ist im Hause ständig präsent, weil er sein Frauchen überall hin begleitet. Das Pflegeheim hat etwa 120 Bewohner, von denen 20 Patienten mit dem Hund in Einzel- oder weitere 20-30 Gruppentherapien betreut werden. „Während der Gruppentherapie ist Joya eigentlich nur anwesend“, so Gisler. Doch seine Gegenwart bewirkt schon einiges: Er beruhigt und die Bewohner sind auch bereiter, miteinander zu reden. In der Einzeltherapie hingegen steht der Hund im Vordergrund. „Eine Bewohnerin ist ans Bett gefesselt und wartet darauf, dass sie Besuch vom Joya bekommt“, erzählt Gisler. Der Hund sitzt dann auf einem Stuhl neben dem Bett oder darf auch mal den Kopf auf die Bettdecke legen. Er wird jedes Mal ausgiebig gestreichelt. „Meine Anwesenheit ist gar nicht so wichtig“, sagt Gisler. Es geht nur um den Hund: Diesem wird erzählt, was die Bewohnerin bedrückt und wie es ihr ergangen ist im Laufe der Woche. Er ist Seelentröster, ihm werden Liebe und Zuneigung geschenkt.

Ein Zuhausegefühl durch den Hund

Bei verwirrten Menschen macht Gisler die Erfahrung, dass der Hund einen großen Wiedererkennungswert hat. Die Bewohner kennen oft nur den Namen des Hundes und nicht den der Therapeutin. So schlägt Joya oft eine Brücke: Bei den verwirrten Bewohnern tauchen dann Erinnerungen auf, sie werden zugänglicher und beantworten sogar Fragen. So hat Gisler Gelegenheit, etwas über das frühere Leben zu erfahren und dies in die weitere therapeutische Arbeit einzubeziehen. Bei rastlosen Bewohnern beobachtet Gisler, dass beim Besuch des Hundes Ruhe einkehrt. Er wird gestreichelt und vertraulich zugeredet. „Da viele Menschen früher mit Hunden gelebt haben, entsteht bei vielen ein Zuhausegefühl“, so Gisler. Durch die vielen Vorteile und offensichtlichen Erfolge sieht sich die Aktivierungstherapeutin in ihrem bisherigen Ansatz bestätigt. Belohnung erhält sie für ihre Arbeit genug: „Es ist schön, wenn lethargische, depressive oder bewegungsarme Patienten wieder motiviert werden können, aktiv am Leben teilzunehmen“. Besonders sind allerdings die Momente, wenn die Augen von Patienten zu strahlen oder sogar herzlich zu lachen beginnen.

Verständigungsschwierigkeiten

Manche Tiere, die Therapeuten hilfreich zur Seite stehen, werden speziell ausgebildet. Beispielsweise werden Therapie- oder Besuchshunde (und ihre Halter) trainiert, damit sie auf verschiedenste Situationen vorbereitet sind. Nur so kommt es nicht zu Missverständnissen in der Mensch-Tier-Kommunikation. Denn Menschen und Tiere sprechen nicht nur unterschiedliche Sprachen, sondern haben auch eine Reihe artspezifischer Verhaltensweisen, die von der jeweils anderen Spezies unterschiedlich verstanden wird. Menschliches Lächeln interpretiert ein junger Hund als „Zähne zeigen“, was für ihn etwas Bedrohliches ist. Entsprechend seiner Sozialisation geht er davon aus, dass er die Rangordnung nicht eingehalten hat, und wird versuchen, den Menschen zu beschwichtigen. Unerfahrene oder ängstliche Menschen verhalten sich für Hunde verwirrend. Deshalb müssen Therapiehunde vieles lernen: Sie müssen akzeptieren, dass sie überall angefasst zu werden dürfen. Denn eigentlich mögen Hunde ein Streicheln oder Zupacken von hinten gar nicht und interpretieren dies als Angriff. Wenn also in einer ersten Therapiestunde ein unbeholfenes Kind zuerst am Schweif packt, was vielleicht noch schmerzhaft ist, so darf der Hund trotzdem nicht zuschnappen. Das wäre fatal für den Therapeuten: So würden Zuneigung oder Interesse umschlagen, zusätzliche Ängste oder totales Misstrauen könnte eine weitere Arbeit mit dem Tier unmöglich machen.

Gibt es heilende Kräfte?
Was hält die Welt zusammen, warum ist ein Mensch gesund, der andere krank und weshalb müssen alle Menschen sterben? Fragen, die Menschen seit jeher begleiten. Seher, Heiler, Religionsführer versuchten Antworten zu geben, uralte Medizinsysteme oder philosophische Erklärungsversuche entstanden. Die sogenannte Lebenskraft oder -Energie taucht in allen Regionen der Welt als Erklärung auf und hat viele Namen: Die Inder nennen es „Prana“, die Chinesen „Qi“ und auch Paracelsus sah den Menschen von „Lebenskraft“ umstrahlt. Die Wissenschaft versuchte schon immer mit Experimenten diesem unsichtbaren, dennoch fühlbaren und manchmal offensichtlichem Phänomen auf den Grund zu kommen: Laurence Bendit führte in den 30iger Jahren umfangreiche Untersuchungen mit dem menschlichen Energiefeld durch und war überzeugt, dass die Energiefelder Auswirkungen auf die Gesundheit, Heilfähigkeit und seelischer Entwicklung des Menschen hatten. Wilhelm Reich glaubte an eine universelle Energie, die er Orgon nannte. Auch moderne Wissenschaftler wie der Biophysiker Fritz Popp, entwickelte im 20. Jahrhundert die Biophotonentheorie. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass alle lebenden Wesen ein schwaches, mit Restlichtverstärkern nachweisbares Licht („Bio-Photonen“) ausstrahlen. Auf die Frage, warum Tiere heilen, gibt es verschiedene hypothetische Antworten. Eine lautet: Tiere haben wie alle lebendigen Wesen Lebensenergie („Qi“). Kranke, Alte, Schwache oder Rekonvaleszente haben hingegen einen Mangel. Bei Kontakt „überträgt“ sich ein Teil der Lebensenergie. Kranke fühlen sich dann z. B. neu belebt („revitalisiert“). Therapiehunde werden nach zweistündigem Arbeits-Aufenthalt in einem Altersheim hingegen müde, ziehen sich zurück und müssen sich selbst nun wieder regenerieren. Berücksichtigen Tiertherapeuten dies nicht, droht auch tierischen „Therapeuten“ - wie in allen sozialen Arbeitsbereichen - das Burn-Out-Syndrom.

Tiere verschenken? – Nein!

Bei den vielen Vorteilen und heilsamen Wirkungen von Tieren könnte der Wunsch entstehen, Kindern oder Verwandten mit einem besonderen Geschenk zu beglücken. Nur: Tiere sind als Geschenke ungeeignet, auch wenn sie noch so süß sind. Denn sie können nicht einfach in die Ecke gestellt werden, wenn die erste Begeisterung vorbei ist. Tiere benötigen weiterhin Pflege, Futter und Aufmerksam¬keit, und das oft viele Jahre lang (Katzen können bis zu 20 Jahren alt werden). Überlegungen wie „das Meerschweinchen würde ihr bestimmt gefallen“, sind fehl am Platz. Denn die Wahl eines Tieres ist sehr individuell und sollte jedem selbst überlassen bleiben. Zur besseren Information oder bei Unsicherheiten geben gute Tierbücher darüber Auskunft, wer zu wem passt. Tiervorlieben - es gibt ausgesprochene Hunde- und Katzenliebhaber - spielen eine wichtige Rolle dabei, wie auch Kosten- oder Platzfragen. Ein Vogelkäfig findet in einer kleineren Wohnung eher Platz als ein sehr großer oder temperamentvoller Hund, der in einer kleinen Wohnung ohnehin nicht artgerecht gehalten werden kann. Ausserdem: Wieviel Pflege und Aufmerksamkeit braucht das Tier? Manchmal erübrigen sich bei einer ehrlichen Antwort auf die Frage „bin ich bereit bei jedem Wetter mit dem Hund rauszugehen?“ weitere Überlegungen. Und: Eltern, die ihren Kindern gerne das schon lange ersehnte Heimtier schenken möchten, sind klug beraten, wenn sie sich klar machen: Sie sind am Ende immer die Verantwortlichen für das Tier! Diese und noch weitere Abwägungen und Vorentscheidungen müssen geklärt sein, bevor das Tier ins Haus kommt. Mit der entsprechenden inneren und äußeren Vorbereitung - schließlich handelt es sich oft um einen neuen Lebenspartner - kann die Beziehung zwischen Mensch und Tier entstehen und wachsen. Da die Tiere meistens verängstigt sind, wenn sie ihr neues Zuhause zum ersten Mal erleben, brauchen Tiere Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten zur Eingewöhnung. Das besondere Weihnachtsfest ist nicht die richtige Gelegenheit, dem Tier sein neues Zuhause vorzustellen.

Kleiner Fragenkatalog als erste Entscheidungshilfe

  1. Wieviele Kosten entstehen jährlich? Grundausstattung (Leine, Futternäpfe, Aquarium, Filter etc.), laufende Futterkosten, ggf. Tierarztkosten im Falle von Erkrankung
  2. Wer übernimmt die Verantwortung während des Urlaubs?
    Sind Freunde oder Nachbarn bereit, die Pflege zu übernehmen. Wenn nicht kommen noch Kosten für Tierpensionen hinzu.
  3. Welches Tier passt zu mir?
    Dabei sind sowohl Art (Hund, Katze, Fische) als auch Rassemerkmale zu beachten. Ein temperamentvoller Jagdhund wird nur bei einem bewegungsfreudigen Menschen glücklich. Aquarien-Liebhaber werden sich Gedanken über Süß- oder Salzwasserfische machen.
  4. Sind die Familienmitglieder mit dem Tier einverstanden?
  5. Lässt sich die Anschaffung des Tieres mit den beruflichen Gegebenheiten vereinbaren?
    Hunde dürfen manchmal mit in Büros mitgenommen werden, aber muss die Katze bis zu 10 Std. alleine sein?
  6. Lässt der Mietvertrag Heimtier zu?
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